Lyrik Sprache und Literatur

Gedichte und Interpretationen

Er ist’s  – Eduard Mörike

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab’ ich vernommen!

Eduard Mörike

Eduard Mörike gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dichter. Er lebte von 1804 bis 1875 und gehört zu den Vertretern des literarischen Biedermeier, einige seiner Werke lassen sich aber auch dem Realismus zuordnen. Die Literatur und Kunst des Biedermeier sind häufig von einem Idealismus geprägt, der im Gegensatz zur damaligen Wirklichkeit steht. Typische Motive sind die Flucht ins Idyll, die Sehnsucht nach anderen Zeiten, Melancholie sowie Resignation, unerfüllte Wünsche und Schwermut. Die Menschen des Biedermeier waren kaum politisch engagiert, vielmehr dominierten der Rückzug ins Private und Genügsamkeit. Die Lyrik der Strömung thematisiert häufig religiöse Stoffe und die Natur. Neben der reinen Beobachtung und Beschreibung der Natur konnte auch etwas Göttliches in sie projiziert werden. Im Gedicht „Er ist’s“ von Eduard Mörike aus dem Jahr 1838 steht das Naturmotiv im absoluten Vordergrund. Der Frühling geht hier in mehrfacher Weise eine Verbindung zur Farbe Blau ein. Das Bild des „Bandes“ war zu Zeiten Mörikes als Zeichen des Jahreslaufs weit verbreitet, wobei das „blaue Band“ den Frühling, dessen blauen Himmel, die klare, frische Luft und Leichtigkeit symbolisierte (für den Sommer stand das gelbe, für den Herbst das rote Band). Ein weiteres Mal erwähnt – allerdings indirekt – wird die Farbe Blau in Form der Veilchen. Die blauen Blumen kündigen ihre baldige Blüte an und verweisen damit als sogenanntes „Pars pro Toto“, also als ein Detail oder Ausschnitt, was zugleich für etwas Größeres steht, erneut auf den Frühling.

Mit deinen blauen Augen – Heinrich Heine

Mit deinen blauen Augen
Siehst du mich lieblich an,
Da wird mir so träumend zu Sinne,
Daß ich nicht sprechen kann.

An deine blauen Augen
Gedenk ich allerwärts; –
Ein Meer von blauen Gedanken
Ergießt sich über mein Herz.

Heinrich Heine

Heinrich Heines Werk ist überaus vielschichtig. Der deutsche Dichter, der von 1797 bis 1856 gelebt hat, verfasste nicht nur lyrische Texte und Prosa, sondern auch polemische Streitschriften und journalistische Kritiken. In den 1830er Jahren wurden seine Schriften in Deutschland verboten, Heine selbst wanderte nach Paris aus. Sein Werk lässt sich aufgrund seiner Vielfalt keiner eindeutigen Epoche zuordnen. Heine geht aus der Romantik hervor, gilt gleichzeitig aber als einer der wichtigsten Vertreter des „Jungen Deutschlands“, in dessen Werk sich neben den revolutionären Ideen des Vormärz, auch Elemente der Aufklärung sowie des Realismus wiederfinden. Bereits in der Zeit der Romantik wurden zum ersten Mal verstärkt synästhetische Metaphern eingesetzt. Zu den Verwendern dieses Stilmittels gehörte in besonderem Maße auch Heine.

„Mit deinen blauen Augen“ wurde 1844 in seinem zweiten Gedichtband „Neue Gedichte“ veröffentlicht und handelt von der tiefen Sehnsucht zu einem anderen Menschen. Während in der ersten Strophe noch der Eindruck erweckt wird, dass sich die Geliebte gegenüber dem lyrischen Ich befindet, wird in der zweiten Strophe deutlich, dass dem nicht so ist. Die Farbe Blau ist in der Romantik vor allem mit der Vorstellung des Weiten und Unendlichen, aber auch der Sehnsucht verbunden. Gleichzeitig kann sie auch das Glück symbolisieren, dass das lyrische Ich möglicherweise im Beisammensein mit seiner Geliebten finden würde. Mit der synästhetischen Metapher „Meer von blauen Gedanken“ erweitert sich der Bezug der Farbe Blau auf einen weiteren Bereich. Gleichzeitig entsteht wiederum ein Rückbezug auf die Augen.

Was bedeuten gelbe Rosen – Heinrich Heine

Was bedeuten gelbe Rosen?
Liebe, die mit Ärger kämpft,
Ärger, der die Liebe dämpft,
Lieben – und sich dabei erbosen.

Auch in diesem Gedicht von Heine geht es um die Beziehung zweier Menschen. Versinnbildlicht ist dieses Miteinander in den gelben Rosen. Sie sind das zentrale Motiv in diesem Vierzeiler. Das Gedicht beschreibt den Versuch des lyrischen Ichs, die symbolische Bedeutung der gelben Rosen zu entschlüsseln. Eine Einbettung der gelben Rosen in einen bestimmten Kontext oder eine Einordnung, woher diese stammen und warum das lyrische Ich sich mit ihnen auseinandersetzt, finden nicht statt. Rosen gelten gemeinhin als Zeichen  der Liebe und Leidenschaft. Durch die Zuordnung der Farbe Gelb wird diese Art der Liebe jedoch näher definiert. Es handelt sich in diesem Fall weniger um die glückliche Liebe zweier Menschen, die eine tiefe Vertrautheit und Verbundenheit verspüren, sondern eine Liebe, die von Ärger und Streitigkeiten geprägt ist und zu zerbrechen droht. Gelb verkörpert hier nicht die positiven Assoziationen der Farbe Gelb wie Göttlichkeit, Licht und Leben, sondern die in das Mittelalter zurückreichende Bedeutung Neid, Verlogenheit und Eifersucht, aber auch Ehebruch. Heine schafft so eine Verbindung zwischen der allegorischen Bedeutung der Farbe Gelb und der symbolischen Bedeutung der Rose, die zusammengenommen die negativen Seiten der Liebe, die mit Zweifel und Zwietracht verbunden sein können, darstellen.

 

Jugendandacht – Joseph von Eichendorff

Was wollen mir vertraun die blauen Weiten,
Des Landes Glanz, die Wirrung süßer Lieder,
Mir ist so wohl, so bang! Seid ihr es wieder
Der frommen Kindheit stille Blumenzeiten?

Wohl weiß ich’s – dieser Farben heimlich Spreiten
Deckt einer Jungfrau strahlend reine Glieder;
Es wogt der große Schleier auf und nieder,
Sie schlummert drunten fort seit Ewigkeiten.

Mir ist in solchen linden, blauen Tagen,
Als müßten alle Farben auferstehen,
Aus blauer Fern sie endlich zu mir gehen.

So wart ich still, schau in den Frühling milde,
Das ganze Herz weint nach dem süßen Bilde,
Vor Freud, vor Schmerz? – ich weiß es nicht zu sagen.

 

Joseph von Eichendorff

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff (1788 -1857) entstammte einer katholischen Adelsfamilie und trat später in den Dienst der Regierung. Er gehört zu den wichtigsten Vertretern der deutschen Romantik. Eichendorff hegte einen patriotischen Hass gegen die Fremdherrschaft, gleichzeitig eine tiefe Abneigung gegen die Nüchternheit der Aufklärung. Die Zeit der Romantik umfasst die Loslösung vom sogenannten „Philisterleben“, vergleichbar mit dem Spießertum, die Idealisierung der Natur und die Hinwendung zur Gefühls- und Traumwelt. Damit einher ging oft eine Verherrlichung des Mystischen und des Mittelalters. Typische Textgattungen waren das Volksgedicht, Märchen und fantastischen Texten. Als typische Merkmale wurden zum Beispiel Synästhesien und Personifikationen in Texten der Lyrik und Prosa eingesetzt. Entsprechend sind auch Eichendorffs Gedichte geprägt von einem tiefen, träumerischen Naturgefühl und bestechen durch eine volkstümliche Frische und Einfachheit.

Bei dem hier vorliegenden Text handelt es sich lediglich um einen Ausschnitt des Gedichts „Jugendandacht“. Die Verse sind übersät mit Rückblicken und Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit. Immer wieder wird durch den synästhetischen Gebrauch der Farbe Blau auf diese Zeit verwiesen. Blau symbolisiert in der Dichtung der Romantik vor allem die Sehnsucht und die Suche nach dem Glück. In diesem Abschnitt des Gedichtes beschreiben die Farben die Erinnerung an eine Frau, die das lyrische Ich verloren zu haben scheint. Sie existiert nur noch in der Erinnerung und wird zunehmend von einem Schleier des Vergessens verdeckt. Der synästhetische Gebrauch der Farbe Blau in Bezug auf die Tage beschreibt wieder die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach dieser (vermeintlich glücklichen) Zeit, und die Farben, also das Erlebte, wieder auferstehen lassen zu wollen. Gleichzeitig fürchtet es sich vor diesen Erinnerungen, wie am Anfang („Mir ist so wohl, so bang!“) und am Ende („vor Freud, vor Schmerz“) der Strophe deutlich wird.

 

Blaue Hortensie – Rainer Maria Rilke

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.
Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke (1875-1926) war ein deutscher Dichter und Schriftsteller, der als einer der wesentlichen Vertreter der literarischen Moderne gilt. Die Literatur der Jahrhundertwende zwischen den Jahren 1890 bis 1925 ist vor allem von der künstlerischen und kulturellen Bewegung des Fin de Siècle, auch Dekadentismus, geprägt. Diese Bewegung kreiste um den kulturellen Verfall und ist geprägt von Zukunftsangst, dem Schwanken zwischen Aufbruchs- und Endzeitstimmung, Lebensüberdruss, Tod und Vergänglichkeit einerseits und von Leichtlebigkeit, Frivolität und einer großen Zukunftseuphorie, die den modernen Fortschritt feierte, andererseits. Diese Gegensätze spiegelten sich auch in der Literatur wieder. Die Bewegung beschreibt aber keine eigenständige Literaturepoche. Vielmehr umfasst und beeinflusst diese Bewegung viele verschiedene Strömungen, darunter den Symbolismus, Jugendstil und Impressionismus, Ästhetizismus sowie ähnliche avantgardistische Strömungen, die sich inhaltlich teilweise auch widersprachen. Die Werke Rilkes können insbesondere dem Impressionismus und Symbolismus zugeordnet werden, greifen teils aber auch Motive des Jugendstils auf. Der Impressionismus bezeichnete zunächst eine Epoche der Kunstgeschichte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bilder des Impressionismus zeigen vor allem die Natur und Eindrücke vom Leben in der Großstadt. Revolutionär ist an ihnen die Wiedergabe von momentanen Schatten- und Lichteffekten, das Verzichten auf Schwarz, die Unmittelbarkeit der Momentaufnahme und die scheinbare Zufälligkeit des Bildausschnittes. Die Künstler lösten sich von der malerischen Abbildungsfunktion und zeigten das, was im Moment geschah. Im Zusammenhang mit der Literatur wird der Begriff häufig als unpräzise wahrgenommen und wird darüber hinaus auch nicht überall verwendet. Dennoch lassen sich auch in der Literatur impressionistische Tendenzen erkennen, die denen in der Malerei ähneln. Wesentlich ist hierbei der Impuls, Impressionen, Eindrücke, einzufangen. Die augenblicklichen und subjektiven Empfindungen stehen im Vordergrund. Dabei treten die Schilderungen der Wirklichkeit, also wie eine Sache tatsächlich ist, in den Hintergrund. Darüber hinaus nehmen auch in der impressionistischen Literatur Farben oder Lichteffekte eine besondere Rolle ein, sodass sich solche Texte häufig durch eine enorme Bildlichkeit der Darstellung auszeichnen: Dinge glitzern, funkeln, scheinen und werden in all ihren farblichen Facetten dargestellt.

Das Sonett „Blaue Hortensie“ stammt aus dem in den Jahren 1902-1908 entstandenen Zyklus der „Neuen Gedichte“ und gehört zur Kategorie der Dinggedichte. Als Ding werden hierbei Objekte bezeichnet, die keine eigene Stimme haben. So können Dinggedichte die Sicht eines Gegenstandes, aber auch die von Lebewesen wie Pflanzen und Tieren zeigen. Für diese Gedichtform charakteristisch ist außerdem, dass sie sich nicht mit subjektiven Empfindungen des lyrischen Ichs befasst. Im Vordergrund steht das Ding selbst, wobei es das Ziel ist, dieses Ding so gut wie möglich von außen oder innen zu beschreiben.

Gleichzeitig finden sich aber auch impressionistische und symbolistische Elemente in diesem Gedicht. So erinnert die Farbfolge „Gelb“, „Violett“ und „Grau“ an die im Impressionismus betonten Lichtphänomene und den dadurch hervorgerufenen, beinahe schwerelosen, durchscheinenden Charakter der Dinge. Das Widerspiel der Farben wird darüber hinaus in weiteren Metaphern und Vergleichen geschildert, die die Hortensienblüten in allen Einzelheiten ergründen. Die Bilder betonen das Flüchtige, das Vergängliche und den Verlust. Die Blüte ist damit gleichzeitig ein Symbol für das Leben in seiner Vergänglichkeit und für das Positive der Hoffnung. Es steht nicht mehr der Gegenstand in seiner anschaulichen Fülle im Vordergrund, sondern seine wesenhafte Bedeutung.

 

Die Roten Rosen – Rainer Maria Rilke

Die roten Rosen waren nie so rot
Als an dem Abend, der umregnet war.
Ich dachte lange an dein sanftes Haar …
Die roten Rosen waren nie so rot.

Es dunkelten die Büsche nie so grün
Als an dem Abend in der Regenzeit.
Ich dachte lange an dein weiches Kleid …
Es dunkelten die Büsche nie so grün.

Die Birkenstämme standen nie so weiß
Als an dem Abend, der mit Regen sank;
Und deine Hände sah ich schön und schlank …
Die Birkenstämme standen nie so weiß.

Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land
An jenem Abend, den ich regnen fand;
So hab ich mich in deinem Aug erkannt …
Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land.

 

Auch in diesem Gedicht wird eine Momentaufnahme festgehalten. Über mehrere Strophen hinweg wird die gleiche Begegnung, aber mit dem Fokus auf verschiedenen Dingen innerhalb der Szenerie geschildert.

Der Journalist und Autor Heimo Schwilk bezeichnete dieses Gedicht als einen „Hymnus auf die farbige Heidelandschaft, auf das aus fahlem Himmel diffundierende Licht, das sich im Moorgewässer spiegelt, wie es in den Bildern der Worpsweder Künstler so expressiv festgehalten ist – und eine zärtliche Hommage an Paula Modersohn-Becker, die Rilke neu die Welt der Farben aufschließt“. Paula Becker, eine expressionistische Malerin, stammte aus Dresden und hatte sich 1897/1898 der Künstlerkolonie in Worpswede angeschlossen. Rilke besuchte die Künstlerkolonie auf Einladung Heinrich Vogelers erstmals 1898. Ihn und Paula soll eine starke Freundschaft verbunden haben, er soll auch tiefgehende Liebesgefühle für sie gehabt haben. Sie heiratete 1901 jedoch den Künstler Otto Modersohn, während sich Rilke mit der Künstlerin Clara Westhoff vermählte. Diese lebte ebenfalls in der Künstlerkolonie und war eng mit Paula Modersohn-Becker befreundet.

 

Siehe auch: Literaturliste Farbe im Sprachgebrauch